Entwurf:
'Mein Vater.' Seitdem ihr Vater tot ist, denkt und sagt sie diese
Worte häufiger. Sie wollte keinen Kontakt mehr zu ihm. Sie bereute es damals
nicht und bereut es auch heute nicht. Es ist eine Befreiung zusagen: „Mein
Vater ist tot.“ und das auch glauben zu können.
Ihr Vater gründete – wie schon ihr Großvater vor ihm –
eine Familie, damit es ihm besser ging. Die Kinder hierbei waren Mittel zum
Zweck. Natürlich unterstellt sie diese Motiv beiden, wenn sie so die
Hintergründe der Geschehnisse anschaut.
Ihr Großvater floh in den letzten
Kriegswirren des 2. Weltkriegs aus dem deutschen Teil von Prag und lernte in
einem norddeutschen Auffanglager eine Polin, die Großmutter, kennen. Die Tochter hat das noch nicht erforscht, aber wahrscheinlich ging es Familien mit Kindern
besser im Flüchtlingslager und sie hatten Aussichten auf diverse Zuweisungen. Das ist so dieser Familie
nicht geschehen. Sie wurden umgebürgert und landeten in Frankfurt.
Frankfurt war nach dem Krieg und in den 50er Jahren DIE
Schwulenmetropole in Deutschland. Ihr Vater zog es Anfang der 60er in die Nähe dieser Stadt. Und er hielt die Augen offen, um die passende naive Frau zu finden mit der er eine Sandfamilie gründen könnte und so die Umwelt zu blenden. Die Tochter glaubt nicht, dass er geplant hatte, dafür
so viele Kinder zeugen zu müssen bis der Schwiegervater in spe der Eheschließung
endlich zustimmte. Denn mit einer Eheschließung seiner Tochter verlor der
Großvater einerseits ein Einkommen, auch wenn diese bereits mehrfache Mutter war und
selbst für eine Familie sorgen musste. Und andererseits, vielleicht hatte er ein Gespür dafür,
was für ein miserabler Mensch ihr Vater war... Das Schwule an ihm war dabei
seine beste Eigenschaft, denkt sich die lesbische Tochter.
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Samstag, 1. Oktober 2016
Samstag, 11. Juni 2016
Von den 50er Jahre und 60er Jahre Mitte der 90er berichtet
Was habe ich da denn gefunden? Zwei übriggebliebene Kapitel einer längst vergessenen Zeit - in vielerlei Hinsicht. Vergessen für die Frauen in der Gegenwart und vergessen für die Autorin der Vergangenheit.
Und so las ich etwas über die 50er und 60er. Der Text ist krumm geschrieben, aber die Autorin hat mit Mühe in den 90ern studiert. So.
2.1. 50er Jahre
Mit der Rückkehr der Männer wurden die Frauen in verheiratete und alleinstehende aufgeteilt.
Diese Lebenssituation bewirkte bei den Frauen und Mädchen, daß für sie Ausbildung und Berufstätigkeit zur Selbstverständlichkeit wurde, auch wenn sie diese nur als eine 'Übergangsphase' sahen. Das wachsende Angebot an Frauenarbeitsplätzen wirkte ebenso mit wie die "Erfahrung der Mütter im Krieg, daß eine Ehe letztlich doch keine sichere Lebensperspektive bot." (Pallowski, S. 29) Aufgrund dieser - durch die Not verursachte Selbständigkeit der Frau - ließen sich viele Frauen nicht mehr so einfach in die klassischen Frauenrollen bzw. an den heimischen Herd zurückdrängen. Auch die Mädchen, die in diesen Familien ohne männlichen Haushaltsvorstand aufwuchsen, wurden nicht auf die Unterordnung unter den Mann hin erzogen, "und es konnte kaum ausbleiben, daß sich bei ihnen der Blick für patriarchalische Verhaltensweisen schärfte." (Pallowski, S. 28)
Die 'Männerlosigkeit' der Lesben fiel in den 50er Jahren zwar nicht auf, die spezifische Diskriminierung der alleinstehenden Frau traf sie ebenso; aber zusätzlich wurden sie zu sexuellen Monstern degradiert. In einer Broschüre, die 1951 in tausendfacher Auflage kostenlos verteilt wurde, forderte der Autor die Kriminalisierung der lesbischen Liebe: "'Und lesbische Liebe ist strafwürdig; deren Straflosigkeit ist inkonsequent!'" (Böhmer, S. 239) Der in der Nazi-Zeit noch verschärfte §175 galt nur für homosexuelle Männer. Die Stigmatisierung wirkte sich aber auch für die Frauen aus (Böhmer, S. 239).
Eine "(b)ekanntgewordene Homosexualität war in den Fünfziger- und Sechzigerjahren ein Entlassungsgrund, selbst ein Gang zum Arbeitsgericht half nicht." (Böhmer, S. 239)
Die Wissenschaft in Deutschland tat sich schwer mit der objektiven Untersuchung der lesbischen Liebe. Die Untersuchungen waren von den Vorurteilen der meist männlichen Wissenschaftler geprägt. Titel wie 'Die Kriminalität der lesbischen Frau' von Prof. Dr. Hans von Hentig (1959) ließen nichts Gutes ahnen. Die Kinsey-Reporte 'Das sexuelle Verhalten des Mannes' (amerik. 1948) und 'Das sexuelle Verhalten der Frau' (amerik. 1953) wurden in der deutschen Fachöffentlichkeit abgelehnt (Kokula, S. 119). Diese Kinsey-Reporte bestätigten in gewisser Hinsicht die 'Normalität' der lesbischen Frau. Es wurde nicht über Monstrositäten berichtet und von den Frauen verlangt, in Therapie zu gehen oder anderweitig sich kurieren zu lassen (Kokula, S. 119).
Das Leben der Lesben war durch 'Privatheit' geprägt. Die meisten Frauen 'organisierten' sich in Cliquen, die häufig schon in der Weimarer Zeit gebildet wurden. Die Aufnahme fand nur über persönliche Kontakte statt. Meist waren es ältere Frauen, die sich so zusammen fanden. Lesben, die keinen Zugang in diese Cliquen fanden, mußten 'Herumexperimentieren', um eine Freundin zu finden. Die Frauenlokale waren in den sog. Rotlichtdistrikten einer Stadt angesiedelt, dies war für ein starkes Selbstbewußtsein nicht gerade förderlich. (Kokula, S. 110)
2.2. Die 60er Jahre
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurde in den 60er Jahren vielseitig diskutiert. Das bedrohte Ansehen der Nur-Hausfrau sollte angehoben werden. Im Bericht über die Situation der Frau in Beruf, Familie und Gesellschaft vom September 1966 wird die Vielfältigkeit im Haushalt angesprochen und die damit verbundene Berufung der Frauen:
Die sexuelle Emanzipation der Frau ließ die Institution der Ehe unangefochten. Zwar erhöhte die persönliche Glückserwartung die Scheidungsquote, die zur Korrektur der falschen Partnerwahl genutzt wurde, aber die Wiederverheiratungsquoten waren sehr hoch. Das Anrecht der Frau auf sie 'befriedigende Beziehungen' wurde ihr zugestanden. (Langer, S. 125) Diese Emanzipation wurde sicherlich durch die Möglichkeit der Empfängnisverhütung gefördert. (Langer, S. 125f.) Die Schreckensmeldungen über die Gefährlichkeit der Antibaby-Pille zeugte von der Angst der Männer, daß die Frauen ihr sexuelles Schicksal selbst bestimmen könnten.
Das Tabu der Sexualität wird entblößt und der amerikanische Autor, der auch beim Kinsey-Report mitgearbeitet hatte, kann berichten:
Für den deutschen Autor ist es dagegen wichtig darauf hinzuweisen,
Ein besonderes Problem in der Sexualwissenschaft ist das Rollenspiel. Das m„nnliche Aussehen der Lesben wird hergehoben. Begründet wird dies mit der gesellschaftlichen Rolle, die die Frau einnehmen muß, da sie für sich selbst sorgen muß. Die Öffentlichkeit sei durch den Mann geprägt worden.
Für die Zeit der 50er Jahre läßt sich festhalten, daß die Frau sich in einer neuen Art und Weise erfahren hat. Sie erlebte sich in einem neuen Selbstbewußtsein und erfuhr eine Frauensolidarität, die plötzlich mit der Rückkehr der Männer aufgehoben wurde. Doch die vormals anerkannte Geschlechterhierarchie wurde in Frage gestellt. Dennoch wurde das Merkmal Zugehörigkeit zum Mann wieder zum trennenden Punkt, einschneidend wurde dies für die Lesben.
Die Frau wurde mit dem Ausschluß aus dem öffentlichen Leben zum privaten Wesen. Mit Macht wurde die Frau von den 'Konservativen' wieder an den heimischen Herd verwiesen.
An diesem Platz finden wir sie in den 60er Jahren. Die meisten Frauen haben diese Ideologie verinnerlicht. Für sie war es ihre Bestimmung für Mann, Kinder und Haushalt zu sorgen. Doch die erlebte Diskrepanz von Eintönigkeit im Haushalt und dem Berufsleben wurde entweder herabgesetzt, es würde nicht existieren oder die Vielfältigkeit des Haushalts und privaten Lebens hervorgehoben.
Eine Gefahr sahen die Männer für die traditionelle Familie in der Bestimmungsmöglichkeit über den Kinderzuwachs in der Familie. Die Frau hatte die Möglichkeit sich sexuell zu emanzipieren.
Das Tabu der Sexualität wurde gebrochen. Auch wenn in Deutschland speziell die überkommenen Anschauungen über Lesben vorherschte und die Empirie nicht zum Zug kam. Gegen Ende der 60er Jahre änderte sich die Situation für die Lesben. Es wurde erkannt, daß nicht ihre Homosexualität sie anders machte, sondern die Gesellschaft sie in die Situation preßte.
Quellen
MEYER, Sibylle/ Schulze, Eva: Von Wirtschaftswunder keine Spur. Die ökonomische und soziale Situation alleinstehender Frauen. In: Delille, Angela (Hg.): Perlonzeit: Wie die Frauen ihr Wirtschaftswunder erlebten. West-Berlin 1985, S. 92 - 98
GEBHARD, Paul Henry/ Giese, Hans/ Raboch, Jan: Die Sexualität der Frau. Reinbek bei Hamburg 1968
GEBHARD, Paul Henry: Die weibliche Sexualität. In Gebhard, P./ Giese, H./ Raboch, J.: Die Sexualität der Frau. Reinbek bei Hamburg 1968, S. 34 - 42
PALLOWSKI, Katrin: Leben im halben Zimmer. Jugendzimmer. In: Delille, Angela (Hg.): Perlonzeit: Wie die Frauen ihr Wirtschaftswunder erlebten. Westberlin 1985, S. 23 - 29
BÖHMER, Ulrike/ Kokula, Ilse: Die Welt gehört uns doch! Zusammenschluss lesbischer Frauen in der Schweiz der 30er Jahre. Zürich 1991
KOKULA, Ilse: Wir waren irgendwie unaufrichtig. Lesbisch leben in den 50er Jahren. In: Frauen untereinander. Dokumentation der Offenen Frauenhoch-schule 10.05. - 21.05.1989. Wuppertal, S. 105 - 119
LANGER, Ingrid: Vor dem Aufbruch. Die soziale Stellung der Frauen in den 60er Jahren. In: Becker, Bärbel (Hg.): Frauen in den 60er Jahren. "Unbekannte Wesen". West-Berlin 1987, S. 113 - 129
MEIXNER/ Helldörfer: Kriminalität und Sexualität. Hamburg 1961
GIESE, Hans: Die Sexualität der Frau. In: Die Sexualität der Frau. Reinbek bei Hamburg 1968, S. 120 - 132
Und so las ich etwas über die 50er und 60er. Der Text ist krumm geschrieben, aber die Autorin hat mit Mühe in den 90ern studiert. So.
2.1. 50er Jahre
"Als unverheiratete Frau war man nur ein halber Mensch."Sieben Millionen Frauen in Deutschland hatten ihren Mann durch den II. Weltkrieg verloren oder sie fanden aufgrund des 'Männermangels' keinen Ehepartner. Ein Drittel aller West-Berliner Haushalte hatte keinen männlichen 'Haushaltsvorstand'. (Meyer, S. 92)
(Meyer, S. 92)
Mit der Rückkehr der Männer wurden die Frauen in verheiratete und alleinstehende aufgeteilt.
"Der Begriff 'alleinstehend' kennzeichnet heute wie damals Frauen, die ohne Mann leben, das heißt, entweder ihren Mann verloren hatten, keinen Partner finden oder nicht heiraten wollten." (Meyer, S. 92)Im Rahmen der 'Normalisierung' der Verhältnisse konnte definiert und festgeschrieben werden, was 'nicht normal' war. Die in den letzten Kriegsjahren gegründeten Frauenhaushalte wurden Notlösung genannt. Viele Wohnungen waren im Krieg zerstört worden, so daß die Frauen zusammenzogen. Diese Wohnraumnot dauerte in den 50er Jahren noch an.
"Noch 1950 lebte die Hälfte aller Haushalte in Berlin (West) in Untermietverhältnissen und auch 1955 gab es noch immer Notunterkünfte."Die Frauengemeinschaften wurden 'minderwertig' genannt und waren vor allem 'wenig erstrebenswert'.
(Meyer, S. 95)
"Was vorher kollektives Schicksal einer überwiegenden Mehrheit von Frauen war, wurde nun zum Anlaß der Ausgrenzung und später zunehmenden Diskriminierung derer, die allein, d. h. Witwe oder unverheiratet waren und blieben." (Meyer, S. 97)Die Frauen litten unter den 'spezifischen Diskriminierungen' ihrer Lebensform als Alleinstehende. Meist waren es nur "kleine Unachtsamkeiten" (Meyer, S. 98), die die Lebensfreude einschränkten.
"(A)lleinstehenden Frauen (wurde) ohne männlichen Begleiter das Betreten von Restaurants erschwert. Diese sexistische Ausgrenzung war noch bis weit in die 60er Jahre hinein üblich." (Meyer, S. 98)Zu Beginn der 50er Jahre verlor das 'Hamstern' und der Tausch von und mit Waren, womit die Frauen ihren Lebensunterhalt sicherten, an Bedeutung. Der Geldwert stabilisierte sich. Die Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt nahm für viele Frauen bedrohliche Formen an. Bei der Stellenbesetzung wurden in den späten 40er und frühen 50er Jahren Kriegsheimkehrer bevorzugt. Die Frauen erhielten 1/3 des Lohnes der Männer. Das Risiko, arbeitslos zu werden, war für Frauen groß und bedeutete finanzielle Not nicht nur für die 'Alleinstehenden'. Eine Entlassung traf auch ihre Angehörigen, da die alleinstehenden Frauen meist nicht 'allein' waren, sondern Kinder, Eltern oder Verwandte mitzuversorgen hatten.
Diese Lebenssituation bewirkte bei den Frauen und Mädchen, daß für sie Ausbildung und Berufstätigkeit zur Selbstverständlichkeit wurde, auch wenn sie diese nur als eine 'Übergangsphase' sahen. Das wachsende Angebot an Frauenarbeitsplätzen wirkte ebenso mit wie die "Erfahrung der Mütter im Krieg, daß eine Ehe letztlich doch keine sichere Lebensperspektive bot." (Pallowski, S. 29) Aufgrund dieser - durch die Not verursachte Selbständigkeit der Frau - ließen sich viele Frauen nicht mehr so einfach in die klassischen Frauenrollen bzw. an den heimischen Herd zurückdrängen. Auch die Mädchen, die in diesen Familien ohne männlichen Haushaltsvorstand aufwuchsen, wurden nicht auf die Unterordnung unter den Mann hin erzogen, "und es konnte kaum ausbleiben, daß sich bei ihnen der Blick für patriarchalische Verhaltensweisen schärfte." (Pallowski, S. 28)
Die 'Männerlosigkeit' der Lesben fiel in den 50er Jahren zwar nicht auf, die spezifische Diskriminierung der alleinstehenden Frau traf sie ebenso; aber zusätzlich wurden sie zu sexuellen Monstern degradiert. In einer Broschüre, die 1951 in tausendfacher Auflage kostenlos verteilt wurde, forderte der Autor die Kriminalisierung der lesbischen Liebe: "'Und lesbische Liebe ist strafwürdig; deren Straflosigkeit ist inkonsequent!'" (Böhmer, S. 239) Der in der Nazi-Zeit noch verschärfte §175 galt nur für homosexuelle Männer. Die Stigmatisierung wirkte sich aber auch für die Frauen aus (Böhmer, S. 239).
Eine "(b)ekanntgewordene Homosexualität war in den Fünfziger- und Sechzigerjahren ein Entlassungsgrund, selbst ein Gang zum Arbeitsgericht half nicht." (Böhmer, S. 239)
Die Wissenschaft in Deutschland tat sich schwer mit der objektiven Untersuchung der lesbischen Liebe. Die Untersuchungen waren von den Vorurteilen der meist männlichen Wissenschaftler geprägt. Titel wie 'Die Kriminalität der lesbischen Frau' von Prof. Dr. Hans von Hentig (1959) ließen nichts Gutes ahnen. Die Kinsey-Reporte 'Das sexuelle Verhalten des Mannes' (amerik. 1948) und 'Das sexuelle Verhalten der Frau' (amerik. 1953) wurden in der deutschen Fachöffentlichkeit abgelehnt (Kokula, S. 119). Diese Kinsey-Reporte bestätigten in gewisser Hinsicht die 'Normalität' der lesbischen Frau. Es wurde nicht über Monstrositäten berichtet und von den Frauen verlangt, in Therapie zu gehen oder anderweitig sich kurieren zu lassen (Kokula, S. 119).
Das Leben der Lesben war durch 'Privatheit' geprägt. Die meisten Frauen 'organisierten' sich in Cliquen, die häufig schon in der Weimarer Zeit gebildet wurden. Die Aufnahme fand nur über persönliche Kontakte statt. Meist waren es ältere Frauen, die sich so zusammen fanden. Lesben, die keinen Zugang in diese Cliquen fanden, mußten 'Herumexperimentieren', um eine Freundin zu finden. Die Frauenlokale waren in den sog. Rotlichtdistrikten einer Stadt angesiedelt, dies war für ein starkes Selbstbewußtsein nicht gerade förderlich. (Kokula, S. 110)
2.2. Die 60er Jahre
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurde in den 60er Jahren vielseitig diskutiert. Das bedrohte Ansehen der Nur-Hausfrau sollte angehoben werden. Im Bericht über die Situation der Frau in Beruf, Familie und Gesellschaft vom September 1966 wird die Vielfältigkeit im Haushalt angesprochen und die damit verbundene Berufung der Frauen:
"Angesichts der Vielfalt geistiger und körperlicher Leistungen, die von der Hausfrau verlangt werden, erscheint es nicht verwunderlich, wenn demoskopische Untersuchungen ergeben haben, daß auch heute noch die Mehrzahl aller Frauen ihre Tätigkeit in Haushalt und Familie als Lebensaufgabe und Berufung verstehen..." (Langer, S. 113)Elisabeth Pfeil stellt in ihrer Untersuchung fest, daß die
"Identifikation mit der Rolle der Familienmutter (...) vollkommen (ist); diese Frauen haben das Gefühl, ihr eigenstes Wesen darzulegen, wenn sie sich entsprechend der gesellschaftlichen Rollenerwartung verhalten, (...)." (Langer, S. 116)Schöngeredet wird die Last der Haushaltführung mit einem innerfamiliären Matriarchat, das aber empirisch nicht zu finden war. (Langer, S. 128) Die Ehefrauen konnten höchsten 'bei größeren Einkäufen' mitbestimmen.
"Das wirtschaftliche und geltungsmäßige Übergewicht des Mannes zieht de facto eine ihn begünstigende Autoritätsstruktur nach sich." (Langer, S. 127)Die Berufstätigkeit der Frau hieß für Ehefrauen sich für die Familie und gegen den Beruf oder den Beruf und gegen die Familie zu entscheiden. (Langer, S. 120) Die gesetzlichen Grundlagen für die Frau ließen ihr, wenn sie geheiratet hatte, kaum eine Wahl. Im BGB lautet der dazu entsprechende §1356, der noch bis 1977 galt folgend:
"Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist." (Langer, S. 114)Es war ein Scheidungsgrund, wenn die Frau ein vor der Ehe gegebenes Versprechen, die Berufstätigkeit aufzugeben und sich nur noch dem Mann zu widmen, brach. (Langer, S. 124)
Die sexuelle Emanzipation der Frau ließ die Institution der Ehe unangefochten. Zwar erhöhte die persönliche Glückserwartung die Scheidungsquote, die zur Korrektur der falschen Partnerwahl genutzt wurde, aber die Wiederverheiratungsquoten waren sehr hoch. Das Anrecht der Frau auf sie 'befriedigende Beziehungen' wurde ihr zugestanden. (Langer, S. 125) Diese Emanzipation wurde sicherlich durch die Möglichkeit der Empfängnisverhütung gefördert. (Langer, S. 125f.) Die Schreckensmeldungen über die Gefährlichkeit der Antibaby-Pille zeugte von der Angst der Männer, daß die Frauen ihr sexuelles Schicksal selbst bestimmen könnten.
"So war Dr. Martin Loeb, Soziologe an der Universität von Wisconsin der Ansicht, die 'Antibabypille' gefährde die führende Rolle des Mannes in der Familie'. Die Frau gewinne dadurch eine 'bisher dem Mann vorbehaltene Planung der eigenen Zukunft'. Es gehe nicht an, daß die Frau die Möglichkeit erhalte, die Familienplanung allein zu bestimmen." (Langer, S. 126f.)Noch Anfang der 60er Jahre wird die Straflosigkeit der lesbischen Frau mit dem 'Männermangel' begründet:
"Bei dem zwar geringen, aber immerhin bestehenden Männermangel ist die Frau der Möglichkeit ausgesetzt, keinen m„nnlichen Geschlechtspartner zu finden; außerdem entspricht es eher der weiblichen Psyche, an dem zarten Körper und an dem Gemüt eine anderen Frau Gefallen zu finden als vielleicht an den Muskeln und dem härteren Wesen eines Mannes. Deshalb hat es der Gesetzgeber vorgezogen, den vielleicht sonst unbefriedigten Gefühlen einer Frau ein Ventil zu belassen." (Meixner/Helldörfer: Kriminalität und Sexualität. Hamburg 1961, S. 38)Auf die Beständigkeit der Beziehungen lesbischer Frauen wird verstärkt hingewiesen, um den Unterschied zu den homosexuellen Männer aufzuzeigen, die 'triebhafter' seien.
Das Tabu der Sexualität wird entblößt und der amerikanische Autor, der auch beim Kinsey-Report mitgearbeitet hatte, kann berichten:
"Der Gebrauch eines Penisersatzes ist aber auch hier - und dies wird die Eitelkeit mancher Männer verletzen - sehr selten."Er kann von der höheren Orgasmusraten in lesbischen Beziehungen berichten.
(Gebhard, S. 40)
Für den deutschen Autor ist es dagegen wichtig darauf hinzuweisen,
"daß dem weiblichen Körper ein Instrument für aktiv-forcierter Zugriff genitaler Art fehlt. Die meisten homosexuellen Praktiken unter Frauen erschöpfen sich in mehr oder weniger äußerlichen Liebkosungen." (Giese, S. 131f.)Argumentationshilfe ist ihm hierbei der Sexualwissenschaftler Krafft-Ebing, der im 19. Jahrhundert Fälle von Lesben bearbeitete.
Ein besonderes Problem in der Sexualwissenschaft ist das Rollenspiel. Das m„nnliche Aussehen der Lesben wird hergehoben. Begründet wird dies mit der gesellschaftlichen Rolle, die die Frau einnehmen muß, da sie für sich selbst sorgen muß. Die Öffentlichkeit sei durch den Mann geprägt worden.
"Auch die Bereiche, die für die Frau reserviert wurden, hat der Mann ihr reserviert."Es findet eine Verbindung statt von der Aktivität in der öffentliche Teilnahme an der Gesellschaft durch das Erwerbsleben und der ausgeübten Sexualität, die nicht unmännlich gedacht werden kann (Giese erwähnt die Prothese, die von einem kleinen Teil der Lesben zu Hilfe genommen werden soll, S. 132), wenn sie nicht 'wirkungslos' bleiben soll. Dies im Widerspruch zur Feststellung des amerikanischen Autors, Gebhard, der einerseits festhielt, daß Penisersatze nicht genutzt werden und der auch festhielt, daß es zwei Typen, nämlich männlich und weiblich gäbe, aber daß
(Giese, S. 132)
"(d)iese Rollen (...) nicht dauernd fixiert (bleiben), man kann häufig einen Rollenwechsel beobachten, vor allem dann, wenn ein Partnerwechsel erfolgt. Es ist aber nicht zu übersehen, daß sehr viele homosexuelle Frauen ein solches Rollenspiel nicht entwickeln und es als völlig sinnlose Imitation des heterosexuellen Lebens betrachten." (Gebhard, S. 41)2.3. Zusammenfassung
Für die Zeit der 50er Jahre läßt sich festhalten, daß die Frau sich in einer neuen Art und Weise erfahren hat. Sie erlebte sich in einem neuen Selbstbewußtsein und erfuhr eine Frauensolidarität, die plötzlich mit der Rückkehr der Männer aufgehoben wurde. Doch die vormals anerkannte Geschlechterhierarchie wurde in Frage gestellt. Dennoch wurde das Merkmal Zugehörigkeit zum Mann wieder zum trennenden Punkt, einschneidend wurde dies für die Lesben.
Die Frau wurde mit dem Ausschluß aus dem öffentlichen Leben zum privaten Wesen. Mit Macht wurde die Frau von den 'Konservativen' wieder an den heimischen Herd verwiesen.
An diesem Platz finden wir sie in den 60er Jahren. Die meisten Frauen haben diese Ideologie verinnerlicht. Für sie war es ihre Bestimmung für Mann, Kinder und Haushalt zu sorgen. Doch die erlebte Diskrepanz von Eintönigkeit im Haushalt und dem Berufsleben wurde entweder herabgesetzt, es würde nicht existieren oder die Vielfältigkeit des Haushalts und privaten Lebens hervorgehoben.
Eine Gefahr sahen die Männer für die traditionelle Familie in der Bestimmungsmöglichkeit über den Kinderzuwachs in der Familie. Die Frau hatte die Möglichkeit sich sexuell zu emanzipieren.
Das Tabu der Sexualität wurde gebrochen. Auch wenn in Deutschland speziell die überkommenen Anschauungen über Lesben vorherschte und die Empirie nicht zum Zug kam. Gegen Ende der 60er Jahre änderte sich die Situation für die Lesben. Es wurde erkannt, daß nicht ihre Homosexualität sie anders machte, sondern die Gesellschaft sie in die Situation preßte.
Quellen
MEYER, Sibylle/ Schulze, Eva: Von Wirtschaftswunder keine Spur. Die ökonomische und soziale Situation alleinstehender Frauen. In: Delille, Angela (Hg.): Perlonzeit: Wie die Frauen ihr Wirtschaftswunder erlebten. West-Berlin 1985, S. 92 - 98
GEBHARD, Paul Henry/ Giese, Hans/ Raboch, Jan: Die Sexualität der Frau. Reinbek bei Hamburg 1968
GEBHARD, Paul Henry: Die weibliche Sexualität. In Gebhard, P./ Giese, H./ Raboch, J.: Die Sexualität der Frau. Reinbek bei Hamburg 1968, S. 34 - 42
PALLOWSKI, Katrin: Leben im halben Zimmer. Jugendzimmer. In: Delille, Angela (Hg.): Perlonzeit: Wie die Frauen ihr Wirtschaftswunder erlebten. Westberlin 1985, S. 23 - 29
BÖHMER, Ulrike/ Kokula, Ilse: Die Welt gehört uns doch! Zusammenschluss lesbischer Frauen in der Schweiz der 30er Jahre. Zürich 1991
KOKULA, Ilse: Wir waren irgendwie unaufrichtig. Lesbisch leben in den 50er Jahren. In: Frauen untereinander. Dokumentation der Offenen Frauenhoch-schule 10.05. - 21.05.1989. Wuppertal, S. 105 - 119
LANGER, Ingrid: Vor dem Aufbruch. Die soziale Stellung der Frauen in den 60er Jahren. In: Becker, Bärbel (Hg.): Frauen in den 60er Jahren. "Unbekannte Wesen". West-Berlin 1987, S. 113 - 129
MEIXNER/ Helldörfer: Kriminalität und Sexualität. Hamburg 1961
GIESE, Hans: Die Sexualität der Frau. In: Die Sexualität der Frau. Reinbek bei Hamburg 1968, S. 120 - 132
Freitag, 1. Mai 2015
Erinnerungen an eine Lesbenaktivistin
Hanneliese ist jetzt fast schon 10 Jahre tot. Ich weiß nicht, wann sie
genau verstorben ist. Ich weiß nicht, wann sie geboren wurde.
Geschichte kann nur von unseren tradierten Erinnerungen leben. Deshalb hier meine Erinnerung an diese engagierte Frau aus dem Rhein-Main-Gebiet.
Ich lernte Hanneliese 1987 aus den Augenwinkeln kennen. Ich hörte davon, dass sie die Frau war, die die Lesben-Ralley in der Dreieich-Region organisierte. Sie war auch Vermieterin eines Hauses:
Im November 1989 wurde der Verein LLL e.V. gegründet.
Das Lesbisch-Schwule Kulturhaus in Frankfurt lag Hanneliese sehr am Herzen. Um politischen Druck zu machen, wurden immer wieder Aktionen gemacht. So auch am 07.10.1990 als die Vereine LLL e.V. und Emanzipation e.V. eine Soiree unter dem Titel "Den Warmen, Schönen, vom anderen Ufer" vor dem geplanten, zukünftigen LSKH veranstalteten.
Den Warmen, Schönen, vom anderen Ufer (Diashow, Dauer 3:06)
Album auf Flickr
Als der Ort für uns geschaffen war - das Kulturhaus konnte bezogen werden-, nutzte sie ihre Vernetzung, um z.B. mit Rednerinnen von der BAG Lesbenpolitik zu Veranstaltungen wie am 27.09.1991 "Ehe auch für Lesben? Rechte für lesbische Lebensgemeinschaften heute und morgen" einzuladen.
Da ich damals im Verein LLL e.V. ehrenamtlich mitarbeitete, kreuzten sich unsere Wege immer mal wieder.
Mein Lebensweg führte weg von LLL e.V.. Irgendwann verlor ich sie aus den Augen.
Aber sie gehört für mich immer zu den Frauen, die ich als Aktivistin für erinnerungswert erachte.
Geschichte kann nur von unseren tradierten Erinnerungen leben. Deshalb hier meine Erinnerung an diese engagierte Frau aus dem Rhein-Main-Gebiet.
Ich lernte Hanneliese 1987 aus den Augenwinkeln kennen. Ich hörte davon, dass sie die Frau war, die die Lesben-Ralley in der Dreieich-Region organisierte. Sie war auch Vermieterin eines Hauses:
Sie bemalten Geldscheine mit der doppelseitigen Axt. Einige sprachen von Kursen, die sie besucht hatten. Eine redete von Wohnungsvermietungen. Erst kam ein Mann. Schaute sich die Wohnung an, war mit allem einverstanden und stellte schüchtern die Frage: "Darf ich mit meinem Freund hier einziehen?" Kurz darauf kam eine Frau für eine andere Wohnung mit einer ähnlichen Frage. Und die alles erzählte, meinte: "Na, dann immer rein in die gute Stube."-"Wenn die wüßten, was die für eine Vermieterin kriegen!" sagte eine andere.Später traf ich sie wieder in der Mittwochsrunde, einem Lesbengesprächskreis in der Frankfurter Frauenschule. Ich war mit dabei, als wir, ca. 10 Frauen, uns am 30.04. und 29.05.1989 bei ihr Zuhause trafen, um über die Möglichkeit eines festen Lesbenortes und einen Frankfurter Lesben-Verein zu diskutieren. Im Mai 1989 rief sie mich an, ob ich mit ihr mit nach Bonn fahren wolle, um bei der BAG Lesbenpolitik der Grünen mitzumachen. Bei der BAG trafen sich viele Lesben, die in der Szene Rang und Namen hatten: Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, politisch Aktive.
Quelle: Tagebucheintrag vom 25. Juli 1987 zum Besuch der Schönen Müllerin in Frankfurt am Main am 24.07.1987
Im November 1989 wurde der Verein LLL e.V. gegründet.
Das Lesbisch-Schwule Kulturhaus in Frankfurt lag Hanneliese sehr am Herzen. Um politischen Druck zu machen, wurden immer wieder Aktionen gemacht. So auch am 07.10.1990 als die Vereine LLL e.V. und Emanzipation e.V. eine Soiree unter dem Titel "Den Warmen, Schönen, vom anderen Ufer" vor dem geplanten, zukünftigen LSKH veranstalteten.
Den Warmen, Schönen, vom anderen Ufer (Diashow, Dauer 3:06)
Album auf Flickr
Als der Ort für uns geschaffen war - das Kulturhaus konnte bezogen werden-, nutzte sie ihre Vernetzung, um z.B. mit Rednerinnen von der BAG Lesbenpolitik zu Veranstaltungen wie am 27.09.1991 "Ehe auch für Lesben? Rechte für lesbische Lebensgemeinschaften heute und morgen" einzuladen.
Da ich damals im Verein LLL e.V. ehrenamtlich mitarbeitete, kreuzten sich unsere Wege immer mal wieder.
Mein Lebensweg führte weg von LLL e.V.. Irgendwann verlor ich sie aus den Augen.
Aber sie gehört für mich immer zu den Frauen, die ich als Aktivistin für erinnerungswert erachte.
Samstag, 26. Juli 2014
Familienspuren in der Matrix der Geschichte von Deutschland
Ihre Familiengeschichte ist keine feine Geschichte. Ihre Großeltern sind Vertriebene. Aus Sicht des Landes, aus dem sie vertrieben wurden, ein verständliches Vorgehen. Im Norden von Deutschland wurde das Paar in einem Auffanglager untergebracht. Dort sind die drei ältesten Kinder geboren.
Dann kamen sie nach Frankfurt. Die Kinder mussten ins Heim gegeben werden: Seligenstadt. Wie lange sie dort bleiben mussten, hat die Mutter nicht berichtet. Dass es im Heim nicht schön war, kann aus dem Nichterzählten herausgeahnt werden. Der Großvater war Rentner oder arbeitslos. Das war mit ein Beweggrund, warum die Kinder recht schnell Verdienst haben mussten, um dieses Zuhause abzugeben. Die Rente war damals noch nicht sicher, denn sie war gar nicht definiert.
Familienspuren in der Matrix der Geschichte von Deutschland. Die Enkelin hat noch nicht so viel Information, dass die Gründe so mancher "Entscheidungen" der Großeltern sichtbar werden. Dennoch mit dem Abstand der Enkelin ist das Erklären freier als für die direkt betroffenen Kinder.
Dann kamen sie nach Frankfurt. Die Kinder mussten ins Heim gegeben werden: Seligenstadt. Wie lange sie dort bleiben mussten, hat die Mutter nicht berichtet. Dass es im Heim nicht schön war, kann aus dem Nichterzählten herausgeahnt werden. Der Großvater war Rentner oder arbeitslos. Das war mit ein Beweggrund, warum die Kinder recht schnell Verdienst haben mussten, um dieses Zuhause abzugeben. Die Rente war damals noch nicht sicher, denn sie war gar nicht definiert.
Familienspuren in der Matrix der Geschichte von Deutschland. Die Enkelin hat noch nicht so viel Information, dass die Gründe so mancher "Entscheidungen" der Großeltern sichtbar werden. Dennoch mit dem Abstand der Enkelin ist das Erklären freier als für die direkt betroffenen Kinder.
Samstag, 12. April 2014
Schwulsein in den 50er und 60er Jahren
Not macht erfinderisch - fehlende Forschung zu Zeitzeugen, respektive Forschung erst am Anfang. Also habe ich mir ein paar Kommentare aus queer.de kopiert, um ein Gesellschaftsbild der 50er und 60er Jahre Deutschland zu erhalten.
Von gatopardo
Aus Madrid-Landkreis (Spanien)
Mitglied seit 02.05.2008
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Oh ja, mit heute 72 Jahren bin auch ich ein Zeitzeuge dieser unseligen 50er und 60er Jahre im Adenauer-Mief. Durch starkes Anpassungsvermögen und Heuchelei mit Weibergeschichten haben wir es aber mehrheitlich geschafft, trotz strafbarer homosexueller Handlungen nicht in die Mühlen dieser postfaschistischen Justiz zu kommen. Ich erinnere mich noch heute an eigentlich nette Nachbarn oder Freunde, die sich über verhaftete 175er lustig machten, ohne jemals einen Funken Verständnis dafür aufzubringen.
Als ich 1966 von meiner Firma ins national-katholische und faschistische Spanien versetzt wurde, kam ich dann vom Regen in die Traufe, aber das ist ein anderes Thema.
Quelle: Kommentar zu "Archiv der anderen Erinnerungen". Paragraf 175: Eine Entschuldigung reicht nicht auf queer.de am 29.03.2014
Von Jadughar
Aus Hamburg
Mitglied seit 19.04.2011
Als 68-Jähriger bin ich ebenfalls Zeitzeuge dieser Zeit. Ich war zwar nicht dirket betroffen, da ich als Jugendlicher nicht darin verwickelt wurde, jedoch trotzdem einen Schock erlitt. Mangels Aufklärung und allgemeiner Tabuisierung von Sexualität und ohne das Wissen dieser Verbote äußerte ich meine homosexuelle Veranlagung, die ich als natürlich empfand, wo ich hätte jederzeit bestraft werden können. Ich war völlig unaufgeklärt, was mich hätte ins Gefängnis bringen können. Meine Eltern wußten über meine Homosexualität, aber sie schwiegen aus Angst darüber. Ich konnte mich nicht in diesen Fragen an sie wenden. Sexualität war ein großes Tabu!
Sie haben aus Angst vor diesem Thema noch nicht mich einmal gewarnt, daß ich durch mein Verhalten ins Gefängnis wandern könnte. Sie dachten, daß sie durch Schweigen über das Thema Sexualität als auch durch extreme Prüderie meine Sexualität in die richtigen Bahnen lenken könnten. Sie haben zwar meine Sexualität nicht durch direkte Verbote und Drohungen unterdrückt, jedoch konnte ich ahnen, daß sie diese Sexualität mißbilligten.
Ich wurde auch Zeuge einer Denunziation, wo ein homosexuelles Paar verurteilt wurde. Natürlich wurde nicht darüber gesprochen, daß sie Sex miteinander hatten. Ich bekam jediglich nur zu erfahren, daß sie wegen ihrer Freundschaft verhaftet worden sind.
Da brach für mich eine Welt zusammen. Ich dachte nun, daß es eine strafbare Handlung ist, Freunde und Freundinnen zu haben - andrerseits begrüßte man Freundschaften und heiratete sogar (Mann mit Frau). Das war extrem widersprüchlich für mich. Die beiden waren nach der Abbuße der Gefängnisstrafe stigmatisiert. Es war dann allgemein bekannt, daß sie homosexuell und vorbestraft waren und somit keine Möglichkeit mehr hatten, einen Beruf zu ergreifen. Man zerstörte ihre Existenz und trieb sie in den Selbstmord. Da das am Ende der 50 Jahre war und ich mich an die Namen nicht mehr erinnern kann, außer der der Denunziantin, nämlich meiner Nachbarin, kann ich faktisch diese Geschichte nicht mehr belegen. Genau das ist der Punkt, weswegen man auf eine Entschädigung wartet, nämlich bis alles vergessen und verstorben ist.
Quelle: Kommentar zu "Archiv der anderen Erinnerungen". Paragraf 175: Eine Entschuldigung reicht nicht auf queer.de am 29.03.2014
Von gatopardo
Aus Madrid-Landkreis (Spanien)
Mitglied seit 02.05.2008
Antwort zu Kommentar #8 von JadugharDazu kann ich beisteuern, dass ich Anfang der 60er von einem schwulen Freund folgende Geschichte erfuhr: Im angetrunkenen Zustand nahm er sich mal ein Taxi und fand den Fahrer so anziehend, dass er ihm den Hof machte, worauf dieser direkt mit ihm zur nächsten Polizeiwache fuhr und ihn denunzierte. Ich glaube, der Freund bekam eine Geldstrafe, war aber dann natürlich vorbestraft.
Dann erinnere ich mich auch an Schulkameraden, die sich sehr abfällig über einen bekannten "175er" unterhielten, der den rosa Winkel aus dem KZ am Arm trug und auch damals nach Ende der NS-Zeit noch stigmatisiert blieb.
Quelle: Kommentar zu "Archiv der anderen Erinnerungen". Paragraf 175: Eine Entschuldigung reicht nicht auf queer.de am 29.03.2014
Von Miguel53de
Aus Wuppertal (Nordrhein-Westfalen)
Mitglied seit 23.07.2012
Antwort zu Kommentar #5 von gatopardo
Das kann ich nur bestaetigen. Diese Gesellschaft hat auch nach dem Krieg weiter unterdrueckt. Die Befreiung vom Faschismus hat nicht zu einer freien Gesellschaft gefuehrt. Bis heute nicht mit einer CDU/CSU, die das alte Erbe weiter aufrecht erhaelt.
Wie haette es denn auch geschehen koennen in einer Gesellschaft, die ja nicht etwa vom Regime, sondern allein vom Kriegsverlust traumatisierrt war. Die ihre Moerderbande und Kriegstreiber freiwillig gewaehlt und bis zum bitteren Ende ebenso freiwillig unterstuetzt hatte.
Ein junger Nachbar hatte sich Mitte der 50er Jahre aufgehaengt. Auf das Beileid meiner Tante gegenueber der Mutter, kam von ihr als Reaktion: "Nicht so schlimm. Der war ja vom anderen Ufer!"
Einer meiner aelterer Brueder wurde ueber Jahre von einem Nenn-Onkel sexuell missbraucht. Dieser war - fast moechte man sagen, klar - ein sehr aktiver Katholik und hoher Bauern-Vertreter. An wen haette sich mein Bruder wenden koennen? An unsere Mutter? Undenkbar. An den Pfarrer? Voellig ausgeschlossen.
Der Druck aus meiner Familie auf ihn, der dann selber schwul war und kleine Jungs belaestigt hat, war so gross, dass er freiwillig und lange zum Militaer ging. Die erste Frau, die er traf, heiratete. Und heute eine voellig disfunktionale Familie, ihn, seine Frau und alle VIER Kinder, eingeschlossen, "unterhaelt". Ein Leben aus Luegen und Selbsttaeuschung. Aber ebenso aus Leid, Verlassenheit und Furcht.
Die aktuelle Politik der deutschen Regierung zum Wohl der Kinder? Die dickste Luege ueberhaupt! Keine Entschuldigung UND Entschaedigung fuer die Opfer dieses unseligen Paragraphen? Eines der ganz schlimmen Versaeumnisse schon der damaligen SPD/FDP Regierung unter Brand.
Und diese Unrecht geht weiter, denn auch die naechste deutsche Generation fuehrt das Unrecht und die Ungleichbehandlung von Menschen fort. Die CDU unveraendert ihr furchtbares Erbe! Gerade so, als haette es die 30er Jahre nicht als Erfahrung zu Recht und Unrecht gegeben. Gerade so, als habe Filbinger mit seinem Satz: "Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein!" noch im Nachherein obsiegt!
Und einmal mehr versagt die Mehrheit auch der Kirchen und ihrer Fuehrer.
Da muss ich, der ebenso noch die 50er Jahre erlebt hat, wie auch die Furcht vor dem 175er, aufpassen, dass ich mich nicht aufrege! Doch, ich rege mich auf! Und man frage mich nicht, wie! Ich kann gar nicht so viel essen.....
Quelle: Kommentar zu "Archiv der anderen Erinnerungen". Paragraf 175: Eine Entschuldigung reicht nicht auf queer.de am 29.03.2014
Von Miguel53de
Aus Wuppertal (Nordrhein-Westfalen)
Mitglied seit 23.07.2012
Antwort zu Kommentar #5 von gatopardo
Zur Ergaenzung. Damals unterhielten auch Banken interne Notizen, in denen sehr persoenliches Verhalten von Kunden dokumentiert war und im "Ernstfall", also z.B. bei einem Kreditwunsch, zur Ablehnung fuehrte.
Ich erinnere mich sehr gut an die Notiz zu einem Kunden: "Treibt sich an der Schwimmhale herum und schaut den Schwimmern zu. Insbesonder, wenn Schulklassen (Jungs) dort ihren Sportunterricht habe!"
Dazu muss man wissen, die Schwimmhalle hatte auf der Rueckseite eine riesige Wand komplett aus Glas. Und daran fuehrte eine Art Balkon entlang.
Dieser arme Mensch war in dieser Bank stigmatisiert, denn wirklich jeder Mitarbeiter, auch diejenigen, die mit Krediten nichts zu tun hatten, kannten diese Notiz: sie wurde als "Spass" heimlich herumgereicht.
Woher die Banken solche Infos hatten, kann man nur vermuten: Die wurden zwischen Bank und Polizei ausgetauscht, dachte ich schon damals.
Uebrigens gab es diese Kunden-Infos noch bis in die 70er.
Quelle: Kommentar zu "Archiv der anderen Erinnerungen". Paragraf 175: Eine Entschuldigung reicht nicht auf queer.de am 29.03.2014
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