Entwurf:
'Mein Vater.' Seitdem ihr Vater tot ist, denkt und sagt sie diese
Worte häufiger. Sie wollte keinen Kontakt mehr zu ihm. Sie bereute es damals
nicht und bereut es auch heute nicht. Es ist eine Befreiung zusagen: „Mein
Vater ist tot.“ und das auch glauben zu können.
Ihr Vater gründete – wie schon ihr Großvater vor ihm –
eine Familie, damit es ihm besser ging. Die Kinder hierbei waren Mittel zum
Zweck. Natürlich unterstellt sie diese Motiv beiden, wenn sie so die
Hintergründe der Geschehnisse anschaut.
Ihr Großvater floh in den letzten
Kriegswirren des 2. Weltkriegs aus dem deutschen Teil von Prag und lernte in
einem norddeutschen Auffanglager eine Polin, die Großmutter, kennen. Die Tochter hat das noch nicht erforscht, aber wahrscheinlich ging es Familien mit Kindern
besser im Flüchtlingslager und sie hatten Aussichten auf diverse Zuweisungen. Das ist so dieser Familie
nicht geschehen. Sie wurden umgebürgert und landeten in Frankfurt.
Frankfurt war nach dem Krieg und in den 50er Jahren DIE
Schwulenmetropole in Deutschland. Ihr Vater zog es Anfang der 60er in die Nähe dieser Stadt. Und er hielt die Augen offen, um die passende naive Frau zu finden mit der er eine Sandfamilie gründen könnte und so die Umwelt zu blenden. Die Tochter glaubt nicht, dass er geplant hatte, dafür
so viele Kinder zeugen zu müssen bis der Schwiegervater in spe der Eheschließung
endlich zustimmte. Denn mit einer Eheschließung seiner Tochter verlor der
Großvater einerseits ein Einkommen, auch wenn diese bereits mehrfache Mutter war und
selbst für eine Familie sorgen musste. Und andererseits, vielleicht hatte er ein Gespür dafür,
was für ein miserabler Mensch ihr Vater war... Das Schwule an ihm war dabei
seine beste Eigenschaft, denkt sich die lesbische Tochter.
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