
















Verena - ein Schultag Zwei Menschen wissen nicht, wie sie mich behandeln sollen. Schön, daß sie sich, gerade sie, um mich sorgen und kümmern; an den anderen liegt mir nicht soviel. Sie reden sowas von Mist zusammen, was hilft mir das? Es sei nicht ratsam, ein Buch über mich und meine Erlebnisse zu schreiben, hörte ich zum ersten Mal, als ich ihr sagte, ich wäre so abwesend, weil ich ein Buch über meine Situation schreibe. ANNA:
Na, wie geht's dir so? VERENA:
Gut. Hast du jetzt auch Schule aus? ANNA:
Hm? Was für eine Antwort! VERENA:
Ich muß doch ablenken. ANNA:
Ja, hm ... Senta kam vorhin und meinte: Du, ich weiß nicht, wie ich die Verena behandeln soll, wie ich auf sie zugehen soll. Und ich meinte: Toll, dann sind wir schon zu zweit. VERENA:
Ja? ANNA:
Du bist in letzter Zeit so blaß und wirkst auch so abwesend. VERENA:
Das Abwesendsein hat zwei Gründe. Weißt du, ich schreibe gerade an einem Buch und denke viel darüber nach. Es hat sehr viel mit meiner Situation zu tun. ANNA:
Ich weiß nicht, ob es ratsam ist, darüber zu schreiben. VERENA:
Ich versuche dadurch eine Lösung zu finden für mich, eine Therapie sozusagen. ANNA:
Ah, so meinst du das ... Ich habe mit einer Frau gesprochen, mit der war ich beim Seminar zusammen. Die hat mich total analysiert. Sie hatte gerade eine Prüfung hinter sich, sie studiert Psychologie. Ich war total baff, als sie mich in Einzelteile zerlegte. Ich habe mit ihr über dich gesprochen. Ich weiß, daß du nicht so in Schubladen gelegt werden willst ... VERENA:
Ja ... ANNA:
Sie meinte, daß sie nicht so genau weiß, was mit dir los ist. Sie ahnt es nur und wird jetzt blättern.
Die Muse Kalliope spricht zu Carl Leise schleiche ich mich durch die Gassen. Nichts hält mich auf, denn ich bin Kalliope, die Muse der Dichtkunst. Mein Körper ist für Menschen unsichtbar, doch viele Menschen kennen mich. Manche spüren mich sogar, wenn sie sagten: Ich bin von einer Muse geküßt. In jedem Lied, in Büchern und Gedichten ist ein Stück von mir. Für manche bin ich der Weg zum Ruhm, für andere die Qual, aber für alle bin ich die Leidenschaft in Person; denn hat man sich mir verschrieben, lasse ich die Person nicht mehr los. Sie ist mir ergeben auf Gedeih und Verderb. -- Ein Mensch hatte aber nicht nur mich zur Leidenschaft, sondern er war auch von
einer anderen Leidenschaft zerfressen. Diese Person war zweigeteilt in die Stille und das Unberechenbare. Dort liegt einer nun, kaputt und verzweifelt, nachdem eine Nachricht ihn erreicht hat.
Ein schwerer Traum lässt ihn nicht erwachen. Sein Unterbewusstsein kämpft mit ihm. Sein Verstand ist ausgeschaltet. Er weiß, dass er aufstehen muss, aber das Traumbild macht seine kühnsten Hoffnungen wahr. Er hält das Zeugnis in der Hand, er hat es geschafft und er wusste nicht, wie er das bestanden hatte, wer ihm half. "Ich kann mitfahren," schrie es in ihm. "Das Schicksal meint es gut mit mir." Und wie zur Bestätigung hörte er leise Musik von ferne. Doch der Zweifel nagt an ihm. Er möchte wissen, wie dies möglich war. Die Realität sagt ihm, dass er das Schuljahr wiederholen muss. Aber das Traumbild spricht zu ihm auf einschmeichelnde Weise. Carl ahnt, dass es so nie realisiert würde. Doch der Schlaf klammert sich an den Körper, er ließ den Menschen durch die Erfüllung der geheimsten Wünsche nicht aufwachen. Sein Tutor wird sein Fürsprecher, sein Direktor sein persönlicher Anwalt. Sehr schnell hat das Traumbild von Schule auf Gerichtsverhandlung umgeschaltet. Knipsende Fotografen und Journalisten, die Fragen stellten. Nebenher das Miauen einer Katze. Carl sitzt im Zeugenstand. "Ich muss mitfahren," flehte er unhörbar. Des Richters Gesicht ist groß und angeschwollen, als er spricht: "Gibt es dafür einen plausiblen Grund?" Carl sinkt langsam in die Knie, in seinen Augen sammelt sich das Wasser. Ganz leise beginnt er zu murmeln: "Meine Klasse, es wäre ..." Das Katzengejaule verstärkt sich und wird erheblich fordernder. "Ja, mein Gott," ruft Carl aus. "Mist Kater, ich komm ja schon." Alle Umwelteinflüsse hat der Traum verarbeiten können, aber eine Katze gehört nicht in eine Gerichtsverhandlung. Carl schaltet den Radiowecker aus, in dem gerade ein Interview lief. Ja, ja, er hat es schwer. Doch nicht so schwer, dass ihm das Herz im Leibe stehenbleiben würde. Er ist nicht die Person, die sich mir verschrieben hat. Nein, dazu ist er zu erfahren. Wie jeder schreibt er ein bisschen, aber es ist nicht das große Verlangen. Sieh dorthin, Carl. Siehst du den Umschlag, siehst du, wie liebevoll für dich gezeichnet wurde? In der Ecke ein Monogramm - C.B. - Carl Blischer, ja, in dieser Art hat sie immer deinen Namen abgekürzt. Jetzt hat sie dir das Stück geschenkt und du fühlst dich überrumpelt. Die ganzen Wochen, nachdem sie gestorben war, hast du dich nicht gewagt hineinzuschauen. Aber jetzt verstehst du sie schon. Du verstehst, warum sie so sehr an ihrer alten Klasse gehangen hatte, warum sie so oft einsam war. Betrachte den Umschlag, berechne die Arbeit und du hast bis jetzt noch nicht einmal hineingeblickt. Doch jetzt packst du es in deine Tasche. Da für dich alles verloren ist, willst du doch wissen, was sie so geschrieben hat. Du holst dein Fahrrad aus dem Keller und denkst: "Verena, bis jetzt hab ich noch nicht mal eine Zeile gelesen." Du steigst auf und denkst an vergangene Gespräche. Es war eine Kurzunterhaltung, von denen du sehr viele hattest. "Weißt du," begann sie, als ihr wieder einmal zusammen auf der Treppe saßt, "mein Stück soll ein klein wenig anders als all die anderen Theaterstücke sein." Du nicktest nur darauf und machtest einen zustimmenden Ton. "Deshalb fehlt ein bisschen der rote Faden." - "Du schreibst wohl sehr oft?" Diese Frage musstest du stellen, obwohl du die Antwort kennst. "So oft, wie es nur irgend geht." - "Du musst mir mal was zum Lesen geben." Mitgebracht hat sie dir nie etwas, sondern sie schenkte dir das ganze Stück, Verena hatte ich sehr fest in meinen Händen. Siehst du, sie ist die Person, die zweigeteilt ist. Aber keine Angst, Carl, ich werde siegen, denn sie liebt mich und den Schwur, den sie tat, wird sie nur weiter in meinen Bereich treiben. Sie sprach doch einmal mit
dir darüber? Nein, oh, dann habe ich etwas verraten. Aber du hattest das schon bemerkt, daß sie nicht ganz normal ist. Sie spinnt, hast du das nicht bemerkt? Ihre kindliche Aufmerksamkeit schenkt sie jedem, hast du das nicht bemerkt? Sie liebt die Schule, die Schüler und die Lehrer. Sie machte sich Hoffnungen in Bezug auf Jungs; du denket, das ist normal. So? War das auch normal, als du meintest zu fühlen, daß sie in dich verliebt sei, mit dieser Vorstellung, wie hast du sie behandelt? Und wie reagierte sie darauf? Doch ziemlich abweisend. Das machte dich stutzig und du bemerktest, daß es bei jedem so war, bei dem sie das Gefühl hatte, er hätte Absichten. Das gab dir Trost, nicht wahr, Carl? Ja, ihre große Liebe, das bin ich, da bleibt für Nebensächliches wie dich kein Platz. Nicht traurig werden, Carl. sie war doch immer eine gute Freundin und nette Gesprächspartnerin, aber nicht mehr! Verena- ein Schultag Eine zierliche Person steht auf einem Podest. Umrahmt von Häusern, die ihr Schatten spenden, trifft ein Sonnenstrahl ihr Haupt. Ihr Gesicht ist den Licht zugewandt. Sie blinzelt und ab und zu beschattet sie mit der Hand ihre Augen. Es ist ziemlich ruhig und es ist ein eigenartiges Gefühl vorhanden, so als könne die Person in dieser Welt der habgierigen Menschen nicht existieren, als wäre sie für das harte Kämpfen in diesem Leben zu schwach. Plötzlich beginnt sie zu reden. Ganz leise, niemand hört ihr zu. Dennoch in ihren Augen stiehlt sich eine Träne ans Tageslicht und sie beginnt:
"Dies ist der Versuch einer vollkommenen Isolation. Im Grunde ist ja jeder Mensch allein, unsere Hauptperson versucht aber auch die Abhängigkeit zu den Mitmenschen zu lösen, gerät aber immer wieder in sehr menschliche Gefühle und schafft es nicht, vollkommene Einsamkeit herzustellen. Sie zerbricht an diesen Hauptwunsch, denn auf der anderen Seite kann sie den Zwang, mit den anderen eine Gruppe zu bilden, nicht auflösen. Ihr Wunsch mit speziellen Menschen befreundet zu sein zerreißt sie innerlich."
Sie verstummt, es ist einfach zuviel für sie. Sie steigt von dem Podest und setzt sich auf den Boden, den Rücken an die Erhöhung gelehnt, die Knie sehr nah zu sich gezogen und sie fährt fort:
"Verena V. starb bei einem Unfall. Sie wurde von einem Auto erfaßt, als sie mit ihrem Fahrrad in eine Kreuzung einbiegen wollte. Sie entschied sich für die Linkskurve zu spät, so daß der herannahende Autofahrer ihr Vorhaben nicht erkannte. Der Autofahrer gab zu Protokoll, daß Verena sehr kopflos gefahren sei, so als wäre sie nicht mehr bei vollem Bewustsein."
Da steht sie abrupt auf und schreit: "Verena, was hattest du?" Schon ruhiger meint sie dann: "Du redest immer von einer Mauer, aus was besteht sie denn? Sand ... Steine ... Mörtel ... oder vielleicht gar aus Schweigen? Hab ich dich ertappt? Warum gibst du keine Antwort? Warum antwortest du nicht? Warum schreibst du?" Keine Antwort gelangt an ihre Ohren und sie hofft aufs Neue auf ein Zeichen, als sie spricht:
"Was soll das, Klassenfeier? Welche Klasse, wo die Feier? Du kennst die Leute nicht mal? Anna? Sisi? Tomas? Medea? Borell? Patricia? Schniece? Wer sind sie? Wer bin ich? - Warum gebt ihr keine Antwort? (Zum Publikum) Was ist der Sinn des Lebens? Was will Antigone? Mach, wie geht eine vollständige Induktion? Warum, warum willst du soviel mehr, als du besitzt? - Wer bist du?"
(Aus dem Schatten tritt eine Gestalt)
VERENA:
Ich? Ich bin ein Mädchen- Vor ein paar Monaten war Schulbeginn. SAGA:
Ach, endlich! Ich dachte, ich könnte dich nicht erweichen. VERENA:
Wozu? Und wo ist das Buch?
SAGA:
Du meinst Mimir? Er kommt gleich, aber vorher sagst du mir, was wir hier eigentlich machen?
VERENA:
Ich hab gehört, wir wollen uns unterhalten.
SAGA (mit leichtem Seitenblick zum Publikum): Stimmt ... Ich fühl mich so angestarrt! MIMIR: "Ein Sklave seiner Leidenschaften ist der allerniedrigste Sklave." VERENA: Hallo, wie kommst du denn hierher? MIMIR: "Ich bin dort, so deine Gedanken verweilen." VERENA: Was hast du damit gemeint, mit der Leidenschaft? Ich bin nicht leidenschaftlich ... Mm, wenn ich es so überlege, bin ich leidenschaftlich langweilig und ich faulenze leidenschaftlich gern. Weißt du, was das Schlimme an dir ist, Mimir? Du bist so schrecklich wortkarg! Findest du kein passendes Wort aus Büchern, dann bist du ganz still! MIMIR: "An seinen Früchten erkennt man den Baum, an deinen Reden den Menschen." VERENA: Gut gesagt. MIMIR:
"Verwirf die Reden weiser Männer nicht, wirf dich vielmehr auf ihre Rätsel-Sprüche! Denn dadurch wirst du Bildung lernen und vor den hohen Herren stehen können. Verschmähe nicht die Überlieferung der Alten, die sie von ihren Vätern überkommen haben! Denn dadurch kannst du Einsicht lernen und in der Zeit der Drangsal Antwort geben." VERENA: Mimir, du bist nicht anders als die anderen Menschen, du gehst nicht auf mich ein, auf meine Fragen. Natürlich hast du recht, mit dem, was du sagst, aber doch nicht mit allem. Ein Rätselspruch kann ziemlich zweideutig sein. Was ich brauche ist kein Drumherumgerede, (ich mach es doch selbst!) SAGA: Du bist mit deinen Gedanken schon in der Zukunft und außerdem redest du auch um den heißen Brei. VERENA: Ah, auf dich habe ich gewartet! MIMIR: "Worte, die vom Herzen kommen, dringen zum Herz." VERENA: Aber es ist doch schlimm, wenn du mit einem Menschen redest und doch nichts sagst.
SAGA: Glaubst du, mit dieser Einstellung wirst du es weit bringen? VERENA: Vielleicht nicht, aber mich stört dieses Gerede über das Alltägliche und immer Wiederkehrende. MIMIR: "Wenn die Menschen nur von dem sprächen, was sie verstehen, dann wäre gar bald ein großes Schweigen auf der Erde." VERENA: Ach, ihr versteht mich nicht. Wisst ihr, wie oft man mich mit banalen Worten gekränkt hat? SAGA (überzeugt und wissend):
Ja! MIMIR: "
Unglück kommt durch den Mund." VERENA:
Da hast du's ja. Von nun an ist Schweigen meine Devise. SAGA:
Du wirst Menschen dadurch abschrecken. VERENA:
Das ist mir egal. Ihr wisst doch, wie die erste Klassenfeier verlaufen ist. Nun, meine Mutter fuhr mich rüber, Martin war dabei – Ja, bei Gott, geredet haben sie, aber nichts von Wert, nichts zum näheren Kennenlernen. Die Schniece ist gar nicht erst gekommen, aber der Borell war für kurze Zeit da und natürlich unser Tutor. Am Schluss unterhielt sich mein Bruder sehr gut mit Sisi, und Mutti war auch unterwegs. Ich hörte den 12-ern beim Musizieren zu, das war ehrlich toll, aber ich sagte nichts. MIMIR:
Wer seine Zunge hütet, hütet sein Leben." VERENA:
Und seine Isolation! SAGA (leise):
Doch so dringt keiner an dich ran. Du brauchst wie andere Leute Freunde. VERENA: Geschwätz! MIMIR: "Gar mancher Freund ist wohl dein Tischgenosse, am Tag des Unglücks ist er nicht zu finden. Geht es dir gut, so ist er eins mit dir, geht es dir schlecht, sagt er sich los von dir. Trifft dich ein Unglück, wendet er sich gegen dich." VERENA:
Danke, Mimir. Bitte lasst mich allein. SAGA:
Noch eins, du warst doch nicht immer so alleine? VERENA:
Wie meinst du das, alleine? SAGA:
Du hattest doch auch mal Freunde. Ich meine, richtige Freunde. VERENA:
Ach, Saga, das ist schon so lange her, dass ich es einfach vergessen habe. Das war vor der ersten Klasse. Ob man das eine Freundschaft nennen kann? Ich hab damals immer mit einem Nachbarjungen gespielt. Ich war traurig gewesen, als wir nach der zweiten Klasse hierher gezogen sind. Vor ein paar Wochen war er hier gewesen. Ich kann dir sagen, das war eine Qual. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, schlimmer war das Machen. Was macht man mit
einem Jungen, den man neun Jahre nicht gesehen hat? Zwischen seinem und meinem Wohnort liegen Welten. Ich kann nicht über meinen Schatten springen.
SAGA:
Mir ist aufgefallen, daß du dich immer zu Außenseitern hingezogen fühlst. Egal welche Außenseiter, mag es im Aussehen sein oder mit der Kleidung oder mit der anderen Meinung. Genauso war es auch mit deinen Schwärmereien. Du schwärmtest immer für solche Jungen, die du nie erreichen konntest und sogar nicht erreichen wolltest und damit verbrachtest du auch noch sehr viel Zeit. Für Tomas, und davon wusste er nicht einmal etwas, brauchtest du zwei Jahre, um dich in Gedanken von ihm zu lösen. Das war der Einzige. Nein, nein, halt! Da war noch einer, aber schon nach einem Monat wusstest du, dass die ganze Schwärmerei eine Lüge war, um vor den anderen zu bestehen. Warum aber dann das mit Tomas? Du sprachst mit niemandem darüber, musstest dich also vor niemandem beweisen. Oder wolltest du dich vor dir selbst beweisen, fühltest du dich minderwertig? VERENA:
Lass mich in Ruhe. (Abgang) Carl sitzt auf der Treppe. CARL:
Ich kann behaupten, es ist ein schöner Frühlingstag. Die Sonne scheint und die Vögel zwitschern. So richtig das Wetter für einen Schultag. Doch wenn ich mich recht besinne, so fiel es mir heute Morgen schwer, aus dem Bett zu kommen. Aber was soll's, Leben ist etwas Wunderschönes, besonders in der Schule in einem Klassenzimmer. Ich will mal vorlesen, was ich geschrieben habe: (liest vor) Wir, die Schüler, befinden uns gerade auf einer Sitztreppe; die erste Stunde hat noch nicht angefangen. Da kommt Verena und dort sitzen Tomas, Patricia, Nese, Medea und Sara in einer Gruppe. "Guten Morgen," begrüßt Verena ihre Schulkameraden fröhlich, anscheinend hatte sie einen schönen Traum gehabt oder sonst was. "Wie kann man nur so wach sein?" fragt Tomas verblüfft. Er ist in dieser Angelegenheit immer verblüfft, entweder, weil er es noch nicht gelernt hat oder weil er ein richtiger Langschläfer ist. Ich tendiere für das Erste, was aber nicht heißen soll, dass ich ihn für dumm halte. "Früh aufstehen!" war Verenas kurze Antwort. Patricia und Nese kamen mit einem: "Morgen." Verena war für eine Abwechslung und meinte leicht: "Hallo!" "Habt ihr euch auch eine Karte gekauft?" fragte Nese. Tomas ist nicht sehr gut gelaunt, als er sagte: "Wie sollen wir auch sonst rüber kommen?" Zu Verena gewandt meinte er ein klein wenig freundlicher: "Gehen wir hoch, Verena?" - "Gut. Tschüss, bis nachher. Auf Wiedersehen!" Die Gruppe löst sich auf und ich sitze hier und warte auf meine Stunde. Ich hatte zwei Stunden später, aber zuhause hielt ich es nicht lange aus. Nun ja, Schulbetrieb beobachten ist ganz schön ablenkend. (nicht mehr lesend) Dies hier klingt nicht ganz nach meinem Stil, ich bin sonst sehr wissenschaftlich, aber so sah ich Verena zum ersten Mal. (ab) Saga lehnt an der Mauer. Sie überblickt den ganzen Raum. Ihr Atem geht langsam.
Aber als ihr eine wohlbekannte Gestalt entgegenkommt, verschwindet ihre sonst so angenehme Ruhe. Mimir sitzt, in einem Buch blätternd, auf dem Boden; seine Aufmerksamkeit scheint niemals den Personen um ihn zu gehören, sondern immer seinem Buch. "Hallo," ruft SAGA Verena entgegen, dann ist sie schon bei ihnen. VERENA:
Hallo! Na, Mimir, was ist der Wahlspruch für heute? MIMIR:
"Um vergnügt oder vielmehr lustig in der Welt zu sein, wird nur erfordert, daß man alles nur flüchtig ansieht; sowie man nachdenkender wird, wird man auch ernsthafter." VERENA:
Was soll das? Ich denke doch nach und bin auch gleichzeitig lustig. SAGA:
Ernsthaft? VERENA:
Willst du etwa behaupten, ich hätte über meine Familie nicht ernsthaft nachgedacht? SAGA:
Doch schon ... MIMIR:
"Man ist verloren, wenn man zu viel Zeit bekommt, an sich zu denken ..." VERENA:
Was bedeutet das? Zeit habe ich immer im Überfluß ... Ihr macht mich wirr, ich hab doch sonst auch an mich gedacht. SAGA:
Wir kennen deine Zukunft. VERENA:
Ach nein, dann erzähl mir doch was. SAGA:
Es gibt da so einen Spruch, der heißt: Erzähl mir deine Vergangenheit und ich zeige dir die Zukunft.
VERENA:
Mimir scheint darüber nicht sehr erfreut zu sein, daß du in sein Ressort greifst. SAGA:
Der Spruch braucht ja nicht zu stimmen, mir geht es um den Inhalt. Wir kennen deine Vergangenheit. VERENA:
Leider, wenn ich auch immer noch nicht weiß, woher. SAGA:
Wir kennen sogar jede deiner Vergangenheiten. Wir wissen, wie du manchmal nach Hause geschlafwandelt bist, im Gedanken eine Geschichte zurechtmachend. Manchmal hast du sie dir selbst erzählt. In der Schule hast du dich vor Handarbeit gedrückt, hast es einfach zuhause gelassen. Die Strafe der Lehrerin war, die ganze Zeit sollte geschrieben werden, wenn sie gewußt hätte, daß es für dich keine Strafe, sondern eine Belohnung war. Zwei, drei Mädchen saßen dann immer in deiner Nähe, anerkennend fragten sie, wie man freiwillig nur soviel schreiben könne. Sie lasen deine Geschichte und du fühltest dich gut. Du hast immer passiv nach Anerkennung gesucht, nie bist du auf andere zugegangen. VERENA:
Hör auf damit! SAGA:
Okay. VERENA:
... Weißt du, Deutsch ist komisch. SAGA:
Warum? VERENA: I
ch zweifle an dem, was die Schniece sagt. Ich zweifle nicht nur, ich verzweifle! SAGA:
Hast du es ihr gesagt?
VERENA:
-- MIMIR:
"Der Zweifel ist das Wartezimmer der Erkenntnis." VERENA: Das hat keinen Sinn, denn durch dieses Anzweifeln stimme ich ja automatisch nicht mehr mit ihr Überein und meine Punkte schwinden dahin. MIMIR: "Erzähle mir die Vergangenheit, und ich werde die Zukunft erkennen. Konfuzius." VERENA: Was soll das? Sogar mit Namen. SAGA: Ich wußte, daß er mein Zitat nicht ertragen konnte. (ab)
Carl sitzt an der Wand angelehnt auf dem Boden. CARL: Schau her zu mir, siehst du mich? Ich erwarte dich - Schon wieder ist Pause. Dieser Tag scheint nicht vorüber gehen zu wollen. Ich sehe mir die Leute an und stelle die Unterschiede fest, Anna merkst du nicht, wie du angestarrt wirst? Ah, schon bist du in der Raucherecke verschwunden und Verena kehrt zu der Gruppe zurück. Sieh an, der kleine Nils versucht mit ihr anzubändeln. Nanu, was ist das für ein Verhalten, Verena? So kühl und abweisend? Vicky verwickelt dich in ein Gespräch, was sagt sie? Vicky und Verena sitzen nicht sehr weit entfernt an einem Tisch. VICKY: Kennst du ihn? Ich sehe ihn immer nur alleine herumlaufen. VERENA: Nein, aber solche Situationen sind mir bekannt. CARL: (Was machst du? Bleib sitzen, uh, lass es sein. Komm nicht näher, wie soll ich reagieren, was machen? Lass, lass mich ...) VERENA: Hallo. CARL: Oh, hallo.
VERENA: Bist du immer so allein? CARL: Was soll ich sonst machen? Ich bin gern alleine. VERENA: Darf ich mich zu dir setzen? CARL: Hm. VERENA: Ich bin Verena. CARL: Carl mit C. VERENA: Gut, soweit bin ich nun. (zu sich selbst) Gerne alleine sein, wie gut kenn ich das. CARL: Hm? VERENA: Nichts, hab nur laut gedacht. Sag mal, ich kenn dich irgendwoher, du bist doch beim Borell in Mathe? CARL: Woher weißt du das? VERENA: Ich sehe und behalte es. Aber solange bist du noch nicht an dieser Schule? CARL: Genau, ich bin vor drei Wochen hier rübergekommen. VERENA: Woher? CARL: Neu-Isenburg. VERENA: Doch nicht aus der Schule, die den Keim zum Rektor hat? CARL:
Woher ...?
VERENA:
Ich kann wohl Gedanken lesen? - Nein, nein, ich hab dort einen Bekannten. CARL:
Wir verlangen eine keimfreie Schule! VERENA:
Das hat er mir auch erzählt. Weißt du was, wir sehen uns später wieder. Ich muß zurück, Hausaufgaben machen. Tschüß. CARL:
Tschüß. (leise zu sich) Oh, mein Herz klopft, wenn ich nur daran denke. VICKY: Was hast du mit ihm geredet? VERENA:
Vieles. CARL (zu sich):
Hoffentlich vergißt du mich nicht, Verena. Ich brauch dich, vergiß das nicht. Mimir ist zu sehr beschäftigt, doch dann horcht er auf. Das Gespräch seiner Freundinnen bekommt eine interessante Wendung. Er steht ganz langsam auf; für einen Riesen aus der nordischen Mythologie ist er verhältnismäßig klein. VERENA:
Bin ich eigentlich noch normal? SAGA:
Hm? VERENA:
Immer öfter denke ich daran, lieber eine andere zu sein. Ist das normal oder erhoffe ich mir dadurch Erleichterung? Die Welt ist für die Aktiven, nicht für die Passiven, wie ich eine bin! SAGA:
Du suchst geradezu nach Problemen! Lass es lieber bleiben! MIMIR:
"Wer die Gefahr liebt, der geht darin unter." SAGA:
Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen! Carl sieht nur Verena und nicht ihre Gesprächspartner Saga und Mimir.
CARL (für sich):
Du, da sitzt du wieder alleine in der Pause. Ziemlich abseits und doch da, wo du jederzeit von den richtigen Personen gesehen wirst. Und du hast Glück, ich sehe dich und nicht nur ich habe das Vergnügen. Sieh, wer da angeschlendert kommt. Ich wünschte, ich hätte dieses Glück mit dir. ANNA:
Na, was ist mit dir? VERENA:
Nichts. ANNA:
Komm, manchmal hilft's auch, wenn man darüber spricht. VERENA:
Ich kann nicht reden ... Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll. ANNA:
Na los. VERENA:
Hm. ... Ich, ich fang einfach da an, wo es mir wichtig erscheint. .. Es ist so vieles, was auf mich einströmt ... Die ganze Zeit habe ich körperliche Nähe abgelehnt ... Und jetzt kommt soviel Zärtlichkeit ... ANNA:
Magst du denn keine Zärtlichkeit? VERENA:
Doch ... Ich brauch sie so sehr ... Aber immer dann, wenn ich sie am meisten brauche, werde ich allein gelassen ... ANNA:
Du baust auch sehr oft eine Mauer um dich. Du sitzt manchmal in der Ecke und ich weiß dann nicht, wie ich auf dich zugehen soll. Ich war auch über dein Verhalten letzter Woche ziemlich erschrocken. VERENA:
... Alle erwarten etwas Falsches von mir ... Einer sagte mir, als ich sehr nachdenklich war, daß er mich so gar nicht kennt. ANNA:
Du denkst wohl sehr oft nach? VERENA:
Ja. ANNA:
... Hm, weißt du, ich glaube, du hast deinen Kern, dein Ich gefunden. VERENA:
... Dann muß er zwei Seiten haben und ich seh nur die negative Seite ... Es ist aber nicht nur das ... Zuhause gibt es manchmal Streit über die kleinsten Sachen ... Ich möchte gar nicht streiten, aber es geht nicht anders ... ANNA:
Sagst du es auch, daß du nicht streiten willst? VERENA:
Nein ... Es ist auch komisch ... Du bist die erste, mit der ich reden kann ... Bei den anderen ist es immer banales Zeug und da bin ich lieber ruhig. ANNA:
Aber man muß auch über Banales reden können. VERENA:
Das ergibt doch keinen Sinn. ANNA:
Du, Verena, es klingt so wohlbekannt, was du erzählst, was du erzählt hast. Weißt du, ich hab eine Bekannte, sie liegt zur Zeit im Krankenhaus. VERENA:
Ich weiß. ANNA:
Bei ihr muß jedesmal einer bleiben, weil sie sonst Schluß macht. Sie sieht in diesem Leben auch keinen Sinn. Ich habe Angst, daß es bei dir auch so weit sein könnte. VERENA:
Nein, nein ... ANNA:
Vieles, was du gesagt hast, Verena, hat mich an mich erinnert. CARL, der zuschaut:
Oh nein, jetzt wirst du auch noch umarmt. Du bist jetzt vielleicht glücklich. Muß ich auch auf die Tränendrüse drücken, damit du mich auch mal bemerkst und nicht nur als Auskunft anerkennst? Aber dazu verbleibt mir keine Zeit, ich muß mein Zeug packen und in den Saal gehen, während du dich noch mit Anna unterhältst. Oh, ich bin unglücklich, wie werde ich nur diese Stunde überleben? Aber alles ist doch nur Leben ... (er bleibt stehen) Hm, Lebensweg ist gleich Leidensweg? Das wär ein Gedanke für die jetzige Mathestunde. Tschüß, meine Liebe, (er dreht sich nach ihr um), in der nächsten Pause werde ich dich wiedersehen. Verena ist gefühlsmäßig in der Vergangenheit, doch sie kann nichts dafür. MIMIR:
"Ein Freund ist besser als zehn Verwandte." SAGA:
Für deine Schwierigkeiten mit deiner Familie. (Saga schaut sie durchdringend an. Ihre Worte finden langsam fruchtbaren Boden und da keimt auch schon die Pflanze der Unzufriedenheit.) VERENA:
Familie! ... Familie? ... Meine Mauer, ich bin dabei sie wieder Stein für Stein aufzubauen ... Bin ich auf Freunde und Familie angewiesen? Bei Gott, nein! Ich will ein eigenes Leben führen, nicht das der anderen ... Ihr seid sowas von doof! SAGA:
Was hat dich verletzt? VERENA:
Ich brauche niemanden, nur mich selbst. Ihr alle habt mich verletzt, kaputt gemacht, seelisch entblößt ... Es reicht mir, Schluß mit dem ganzen Zeug! MIMIR:
"Hundert Jahre reichen nicht, um aufzubauen; um zu zerstören, ist ein Tag zuviel."
"Verachte keinen Menschen und halte kein Ding für unmöglich; Denn es gibt keinen Menschen, der nicht seine Stunde hätte, und es gibt kein Ding, das nicht hätte seinen Platz." VERENA:
Ich wußte gar nicht, daß ich so böse sein kann, aber alles ist doch nur gespielt, auch die Weihnachtsstimmung und die dazugehörige Freude. Von Mutti und Papa bekomme ich immer zu hören, wie schön Heilig Abend früher war, mit den kleinen Geschenken usw. Warum läuft's denn bei uns nicht? ... Dennoch hat mich das Gespräch erfreut, auch wenn es nur sehr kurz war. SAGA:
Kurz? Du sprachst sehr viel mit Anna. VERENA:
Das war viel? Dann hab ich es gar nicht bemerkt, aber es ist schon recht, es wird eine meiner liebsten Erinnerungen. Also pass auf, was jetzt kommt.
Wieder in der Pausenhalle. CARL:
Jetzt ist der Schultag bald zu Ende. Du hast mich wieder nicht beachtet, VERENA: Ich frage mich, warum machst du das eigentlich? Du sitzt da und schreibst. Ach, wenn ich nur über deine Schulter schauen könnte. Was ist? Du stehst abrupt auf. Willst du aus der Gruppenarbeit ausbrechen? NESE:
(während Verena hinausläuft) Die will nachhause! Sisi folgt ihr, ebenso Carl. SISI ruft ihr nach:
Verena ... Verena, bleib doch mal stehen. (sie kommt bei ihr an und ist sichtlich sauer) Du kannst jetzt nicht einfach nach hause gehen! VERENA:
Und hierbleiben kann ich genauso wenig! SISI:
Wenn du jetzt gehst, verletzt du die Aufsichtspflicht der Lehrer ... und wenn etwas passiert, sind die dran! VERENA:
Das ist mir egal! SISI:
Aber deine Eltern sind dann auch dran. VERENA:
Das macht mir nichts aus. Ich muß hier weg ... Ich wußte ja nicht, wie das Ganze enden würde, sonst hätte ich gar nicht erst mitgemacht! SISI:
Das ist doch von Anfang an gesagt worden. VERENA:
Dann habe ich davon nichts gehört ... Dieser Kerl hat mir auch gesagt, wenn ich nichts machen will, soll ich doch gehen ... Ich bin gegangen. SISI:
Du hättest auch in einer anderen Gruppe mitmachen können. VERENA:
Nein, außerdem will ich nichts von dem machen, ich sitze sowieso nur allein rum. SISI:
Du kannst dich mit an unseren Tisch setzen. VERENA:
Aber ich halt's hier einfach nicht aus. SISI:
Du bist ziemlich egoistisch! VERENA:
... Na und? Ich habe das Recht dazu! SISI:
Du bist doch nicht allein auf der Welt! Du mußt dich doch auch um die anderen kümmern. VERENA:
Die ganze Zeit habe ich mich um die anderen gekümmert. Es blieb nichts für mich übrig, ich passte mich immer den anderen an. SISI:
Das war das andere Extrem ... Verena, aber so machst du dich nur fertig. VERENA:
Die Menge erdrückt mich ... Die ganze Zeit saß ich allein da, um mich lauter Leute, die ich nicht kenne ... Nein, ich halt das so nicht aus. SISI:
Du darfst sie nicht als eine geschlossene Gruppe sehen. Schau, jeder von ihnen ist ein Individuum ... Du steigerst dich da zu sehr rein und verhältst dich wie Anna. Du ißt nichts und vergrößerst immer mehr deine Probleme. VERENA:
Schon wieder werd ich verglichen! SISI:
Okay, ich mach's nicht mehr ... Kommst du jetzt rein? VERENA:
Ich mag nicht. CARL (Hinter einem Pfosten stehend, für sich):
Komm Verena, lass nicht so lange auf dich warten. SISI:
, ich werde es ihnen nachher erklären, wenn du gegangen bist. (Sisi ist ruhig und Verena beginnt zu weinen.) CARL:
Jetzt, oh, sie umarmt dich. Das hab ich gar nicht erwartet. SISI:
Du bist wer, Verena. Ich meine, du bist ein einzelner Mensch. CARL:
Worüber denkst du nach, Verena? VERENA:
Steht dein Angebot noch? SISI:
Hm? Ja, kommst du mit rein? VERENA:
Ja, ich versuch's. SISI:
Klasse! CARL:
Jetzt muss ich aber weg. (Sisi und Verena kommen näher.) SISI:
Sag mal, hast du schon mal geweint? Ich meine, so richtig, egal wo du warst? VERENA:
Ich kann dir darauf keine richtige Antwort geben. Wer zeigt schon gern Gefühle? SISI:
Du hast recht, oh Mann, da hast du recht! (Gehen in die Klasse.)
Verena und Saga sitzen auf der Treppe. Carl sitzt hinter ihnen, sieht aber Saga nicht. SAGA:
Mimir war auch hier. VERENA:
Und was ist? Wo bleibt das Buch? SAGA:
Du Idiot, Mimir ist deine Fähigkeit zum Schreiben. Ich bin dein Angelpunkt zum Streiten. VERENA:
Eh, ich vergess das immer wieder. SAGA:
Er schrieb etwas über Anna. VERENA:
Süß, und was? SAGA:
Er liebt sie! VERENA:
Wie kann er nur, er ist doch ich! SAGA:
Nun, irgendetwas muss dich doch bestimmen, leiten. Auch wenn es ein Mensch ist. VERENA:
Und dazu noch weiblich ... wo bleibt Mimir? SAGA:
Du lenkst ab! VERENA:
Das tu ich? SAGA:
Ja und noch mehr. Du willst es nicht wahrhaben. VERENA:
Okay, ich sage, sie ist mein Vorbild. Ich sage, ich bin gern in ihrer Nähe. Ich sage, ich höre ihr gern zu. Ich sage, ... SAGA:
Dass du nichts sagst! VERENA:
Bä, laß mich ausreden, daß ich sie nag. SAGA:
Mehr nicht? VERENA:
Frag Minir. SAGA: Er ist du, eine deiner Fähigkeiten. VERENA: Gut, da hast du die Antwort ... Saga, lassen wir das. Das gibt nur Streit. SAGA: ... Und was ist mit dir? VERENA: Mm? Ich würde sagen, ich bin in einer Phase, die die Psychologie, Philosophie, Biologie, Religion und so weiter schon längst analysiert hat. Keiner Mühe wert darüber nachzudenken. SAGA: So? VERENA: ... Mm, zu was anderem. Ich les da so ein Buch über die Philosophiegeschichte ... Das, was ich gerade mache, ist geklaut, von Platon schon sehr erfolgreich praktiziert. SAGA: Und du dachtest, du hättest endlich etwas Neues. VERENA: Pack mal irgendwas an, wenn's auch nur du selbst bist; es ist schon erforscht, analysiert und katalogisiert, aufgeschrieben und vergessen. SAGA: Wenn du es so siehst, hat es doch keinen Sinn dies hier zu schreiben. VERENA: Mimir, schreib das auf! SAGA: Las ihn doch in Ruhe, er hat genug zu tun. VERENA: Ja, er sucht krampfhaft nach einem Spruch, der zu dieser Szene paßt, deswegen läßt er uns auch reden, reden, reden. SAGA: Er kann jetzt nicht. (Mimir blättert) VERENA: ... Hören wir auf mit Warten. Ich hab ein flaues Gefühl in der Magengegend. SAGA: Vom Hunger? VERENA: Nein, du weißt es. MIMIR: "Du willst nur reden, gar nicht reden lassen." (Anm. von Sophokles) VERENA: Ja, in dieser Situation dringt sich auch alles in mir nach außen. Carl, flüsternd: Du wirkst so abwesend, dein Gesicht ist so nachdenklich angespannt. Ich möchte jetzt zu gerne wissen, an wen oder was du gerade denkst. VERENA: Carl? CARL: Hm? Verona: Komm, las uns reden! CARL: Warum? Ich hab kein Thema. VERENA: Doch ich kann dir eins bieten, mich! CARL: Ist das nicht sehr eingebildet?
VERENA: Warum? CARL: Über sich reden, bist du da nicht sehr von dir eingenommen? VERENA: Ach, dann lassen wir's eben. CARL: Na, jetzt bleiben wir dabei, das ist ein Thema für mich. (Sigrid kommt, Carl für sich:) Hoffentlich lenkt sie dich nicht zu sehr ab und zerstört das Gespräch. SISI: Hallo, Verena.
VERENA: Oh, Sisi, na, wie geht's? SISI: Ich schreib gleich Englisch. VERENA: Ich auch. SISI: Sind wir dumm. VERENA: Hm, wer ist dumm? Ach ja, wir sind ja in einer Klasse... Tschüß dann. (Sisi geht) CARL: (für sich) Hoffentlich kann ich das Gespräch wieder in Gang bringen. (laut) Nun? VERENA: Du meinst also, von sich reden, heißt eingebildet sein? CARL: (leise) Was für ein Glück. (zu Verena) Moment, nicht ganz. Man kann das so oder so sehen. Du hast dich als Thema angeboten und das ist fast genauso wie es die Eingebildeten tun. Die Eingebildeten machen sich wichtig, weil sie sich für schön oder unentbehrlich halten, was sie ja keineswegs sein müssen. VERENA: Oh Mann, dann bin ich verdammt eingebildet. Guck mal, wie schön und unentbehrlich ich bin. CARL: Warum machst du das? VERENA: Was soll ich auch sonst machen? Ich wollte nur reden. CARL: Einfach so? VERENA: Nicht einfach so. Es gab schon einen Anlaß für mich. CARL: Und der wäre? VERENA: Ein Satz von Sophokles, aber es ist schon vergessen. Ich merke, ich rede zuviel und lass dich gar nicht zu Wort kommen. CARL: Macht nichts, ich kenn diese Situation sehr genau. (Tomas kommt) VERENA: Ich weiß nicht, es hat sich alles bei mir angesammelt und... TOMAS: Kommst du hoch? Carl (leise): Alles ist kaputt. VERENA: Hat es denn schon gegongt? TOMAS: Aber sicher. Na, was ist? VERENA: Okay, ich komme. Tschüß bis nachher. CARL: Tschüß. (Verena geht) Das ist alles, was mir bleibt. Auch Medea hat auf dich gewartet. MEDEA: Ah, da bist du ja endlich, die Arbeit wartet nicht. VERENA: Erinner mich bloß nicht dran. (ab)
CARL alleine: Um solch eine Unterhaltung wie eben zu führen, habe ich die ganze Zeit gewartet und warte jetzt wieder.
Nächste Pause. Mimir sinkt langsam in die Knie. Die Bibel hält er fest an seine Brust gedrückt, und sagt leise seinen Spruch auf: MIMIR: "Achte auf mich, und erhöre mich! Unstet schweife ich umher und klage!"
"Mir bebt das Herz in der Brust; mich überfielen die Schrecken des Todes. Denn nicht mein Feind beschimpft mich, das würde ich ertragen; nicht ein Mann, der mich haßt, tritt frech gegen mich auf, vor ihm könnte ich mich verbergen. Nein, du bist es, ein Mensch aus meiner Umgebung." CARL: Soll ich mich trauen? Ich weiß nicht. Okay, ich mach's. Ich steh auf und red mit ihr. (geht zu Verena) Schon, daß du da bist. Ich möchte mit dir reden. VERENA: Schieß los, ich hab leider nicht sehr viel Zeit. CARL: Hey, ich bin aber nicht einer von den Schnellen. VERENA: Schon gut, war nicht bös gemeint. CARL: Ich hab was rausgefunden, was mir nicht sehr behagt. VERENA: Hm? CARL: ... Ich imitiere Leute. VERENA: Das mach ich auch. CARL: Auch so extrem, daß dein Ich hinter der Imitation verschwindet? VERENA: Nein, aber es liegt doch in der Entwicklung, daß man andere nachmacht. CARL: Es ist auch nicht so schlimm. Nur manche Art liegt mir ganz schon auf der Seele, weil sie total gegen mein Wesen ist. VERENA: Und wie hast du das herausgefunden? CARL: Ich hab mich mehr als sonst beobachtet. VERENA: Und von wem hast du das? CARL: Ich weiß nicht, vielleicht endlich mal von mir. VERENA: Du, ich muß leider zum Unterricht zurück. Aber bei so einem Gespräch kann mir
der ganze Unterricht gestohlen bleiben. CARL: Danke. VERENA: Ach was, Carl, das mach ich doch gern. Nur einen Rat, mach das nicht zu oft. CARL: Was? VERENA: Über dich nachdenken. Uber sich nachzudenken ist zwar lobenswert, aber nicht sehr gesund. (Verena Umarmt ihn) Carl murmelt: Schön, es ist unheimlich schon. VERENA: Tschüß dann. CARL: Tschüß. (wieder alleine) Oh Mann, bin ich froh, daß ich mich das getraut habe. Der Schultag neigt sich seinen Ende zu. Dies scheint das letzte Treffen von Saga und Mimir mit Verena zu sein.* VERENA: Saga, wir reden aneinander vorbei. MIMIR: "Jugend ist Tollheit; sie überspringt den Bach, wo es eine Brücke gibt." VERENA: Ich bin gern jung. SAGA: Und jetzt auch sehr positiv. MIMIR: "Wer die Fehler anderer übernimmt, dessen Schuld ist größer als die Schuld desjenigen, der sie begeht." VERENA: Zielst du darauf ab, daß ich alles imitiere? SAGA: Er meint, ja. MIMIR: "Bei der Belehrung gibt es keine Klassenunterschiede." VERENA: Wäh! SAGA: Es ist Zeit. VERENA: Zeit wofür? SAGA: Daß wir uns langsam von dir trennen. Bücher und deine Gedanken hast du selbst. VERENA: Hey, mach kein Scheiß, ich brauch euch! SAGA: Wir werden sehen. Letzte Pause. Verena hat Carl ein Heft gegeben, nun sitzt sie zusammengekauert in einer Ecke.
CARL: Du scheinst geistig nicht anwesend zu sein. (er blickt zu ihr hinüber) VICKY: Verena? VERENA: Hm? ... Oh nein, laßt mich in Ruh! Ich bin verkehrt, ich bin nicht so wie ihr. Ich bin an falscher Stelle zur falschen Zeit. Ich halt's nicht mehr aus. VICKY: Was ist denn los mit dir? Verena rennt aus dem Schulgebäude, sie hört auf nichts. VICKY: Verena, renn nicht weg.
Sigrid kommt zur Gruppe. SISI: Was ist denn los? Eben hat mich die Verena beinahe umgefahren. Hat sie denn schon Schule aus oder was ist los? MEDEA: Geht denn keiner hinterher? VICKY: Laß nur, uns erwartet sie nicht. CARL: Was sie erwartet, kann ihr keiner bringen. Ich hab sehr oft mit ihr gesprochen, so konnte ich wenigstens etwas lernen. Anna kommt. ANNA: Hallo. Carl leise: Oder kann ihr doch jemand bringen, schade, daß sie es nicht weiß. (Laut) Na.
ANNA: Was hast du gemurmelt? CARL: Oh, nichts. Leb nur weiter wie gewohnt. ANNA: Wenn du was hast, dann sag es laut und nicht hinter meinem Rücken. CARL: Nichts, ehrlich! Ich hab nur an Verena gedacht. SISI: (zu Anna) Hallo. Hast du das mitbekommen? Die Verena ist eben, sie wurde von einer Tarantel gestochen, hinausgerannt. CARL: Weißt du Anna, daß Verena ihr Stück mir geschenkt hat? Mimir steht abseits, sieht Saga und schaut zur Gruppe. MIMIR: "Durch Nichtbeachtung meiner Gefühle und der Personen, die durch diese Gefühle betroffen sind, versuch ich mich zu schützen, doch dadurch verletze ich diese Menschen. Entschuldigung." Die Gruppe ist unterdessen gegangen, nur Carl sitzt allein auf dem Boden. CARL: Ich habe oft darüber nachgedacht, was los ist. Nun, was los ist, kann ich nur erahnen, und diese Ahnung ist schrecklich für mich. Bleib mir fern in meinen Gedanken, ist alles, was ich dazu noch sagen kann, dennoch werde ich an dich denken. Ave, meine Freundin. Ende
erstes Halbjahr 83
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen